Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

X-gebundener schwerer kombinierter Immundefekt (X-SCID)

Dr. rer. nat. Barbara Bangol, Dr. med. Kaimo Hirv

Wissenschaftlicher Hintergrund

Mit einem Anteil von 40-50% bildet der X-gebundene schwere kombinierte Immundefekt (X-SCID) die bei weitem häufigste Entität aller SCID-Erkrankungen. Der X-SCID wird durch Mutationen im IL2RG-Gen verursacht, welches für die IL2-Rezeptor-y-Kette kodiert, die Bestandteil des IL2-Rezeptors und verschiedener weiterer Interleukin-Rezeptoren ist. Betroffen ist sowohl das zelluläre als auch das humorale Immunsystem. X-SCID-Patienten zeigen in der Regel ein fast vollständiges Fehlen der T-Lymphozyten und NK-Zellen, während die Zahl der B-Lymphozyten nahezu normal, ihre Funktion jedoch gestört ist. Ohne entsprechende Therapie, verläuft ein X-SCID innerhalb der ersten Lebensjahre fast immer letal. Unbehandelte Jungen leiden unter rezidivierenden, schwer behandelbaren Infektionen und zeigen Gedeihstörung, Candidiasis, fehlende Tonsillen und Lymphknoten. Häufig treten Hautausschläge, Durchfall, Fieber, Pneumonien, Sepsis und andere schwere bakterielle Infektionen auf. Therapie der Wahl ist eine frühzeitige Blutstammzelltransplantation, die am besten innerhalb der ersten drei Monate nach Geburt erfolgen sollte. Eine Langzeitsubstitution mit Immunglobulinen kann erforderlich sein, wenn sich keine funktionellen Spender-B-Lymphozyten entwickeln. Patienten mit IL2RG-Genmutationen, die eine Restfunktion des Proteins zulassen, können einen atypischen X-SCID entwickeln, charakterisiert durch das Vorhandensein von T-Lymphozyten, Immundysregulation und Autoimmunität.

Das IL2RG-Gen befindet sich auf dem X-Chromosom und umfasst 8 Exons. Bislang wurden insgesamt 200 Mutationen identifiziert, die verteilt über alle Exons vorkommen können, mit einem "hot spot" in Exon 5. In nur etwa einem Drittel der Fälle besteht eine positive Familienanamnese mit betroffenen männlichen Angehörigen in vorangehenden Generationen. Der Großteil der Mutationen tritt somit sporadisch auf. Weibliche Trägerinnen sind in der Regel gesund und zeigen in allen lymphozytären Populationen eine "non-random" Inaktivierung des betroffenen X-Chromosoms.

Literatur

Shearer et al. 2014, J Allergy Clin Immunol 133:1092 / Buckley et al. 1997, J Pediatr 130:378 / Puck et al. 1997, Blood 89:1968 / Puck et al. 1993, Hum Mol Genet 2:1099