Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

Stickler-Syndrom

Dr. rer. nat. Christoph Marschall

Wissenschaftlicher Hintergrund

Das Stickler-Syndrom (STL) wird autosomal-dominant vererbt und zählt zu den Kollagen-Typ-II-Erkrankungen. Bisher sind über 300 Fälle beschrieben, die Inzidenz wird auf ca. 1:10.000 geschätzt. Charakteristisch für das Stickler-Syndrom sind insbesondere Mittelgesichtshypoplasie (bis zu 100% der Fälle), schwere Sehstörungen durch Myopie (>90%) z.T. bereits bei Neugeborenen, Katarakt und Netzhautablösung (60% der Fälle) bereits im ersten Lebensjahrzehnt, Gaumenspalte (41%), Pierre-Robin-Sequenz (23%)  sowie Gelenkbeschwerden.  Darüber hinaus besteht eine Disposition für Mitralklappenprolaps (40-50% der Fälle) und Schwerhörigkeit (10-50% der Fälle).

Die häufigste Form des Stickler-Syndroms ist der Typ 1, der auf pathogene Varianten im COL2A1-Gen zurückzuführen ist. Durchschnittlich können in 75% der STL-Fälle Varianten im COL2A1-Gen nachgewiesen werden. Bei Patienten mit charakteristischen membranösen Veränderungen des Glaskörpers, die in ca. 60% der Fälle mittels Spaltlampe identifiziert werden können, beträgt die Sensitivität der COL2A1-Sequenzierung ca. 94%. Deletionen in der Größe einzelner Exons bis zum gesamten Gen, sind in maximal 1% der STL1-Fälle ursächlich (Hoornaert et al. 2010, Eur J Hum Genet 18:872). Wesentlich seltener sind Stickler-Syndrom Typ 2 und Typ 3, die mit Varianten im COL11A1- bzw. COL11A2-Gen verbunden sind. Das STL2, das ungefähr 6% aller STL-Fälle ausmacht, unterscheidet sich klinisch kaum vom STL1. Allerdings zeigen sich beim STL2 perlenschnurartige Veränderungen am Glaskörper. Die Abgrenzung des STL2 vom Marshall-Syndrom, das unter anderem durch die früh beginnende Schwerhörigkeit und betontere faziale Merkmale gekennzeichnet ist und ebenfalls auf Varianten im COL11A1-Gen beruht, ist z.T. schwierig. Beim sehr seltenen Stickler-Syndrom Typ 3 sind das Fehlen der Augensymptomatik und Varianten im COL11A2-Gen charakteristisch.

Literatur

Guo et al. 2017, Hum Genome Variation 4:17040 / Barat-Houari et al. 2016, Hum Mutat 37:7 / Acke et al. 2014, Mol Genet Metab 113:230 / Vijzelaar et al. 2013, BMC Med Gen 14:48 / Hoornaert et al. 2010, Eur J Hum Genet 18:872 / Richards et al. 2010, Hum Mutat 31:E1461 / Zechi-Ceide et al. 2008, Eur J Med Genet 51:183 / Majava et al. 2007, Am J Hum Genet A 143A:258 / Richards et al. 2006, Hum Mutat 27:696 / Nishimura et al. 2005, Hum Mutat 26:36 / Stickler et al. 2001, Genet Med 3:19 / Richards et al. 2000, Br J Ophthalmol 84:364 / Korkko et al, Am J Hum Genet 53:55 (1993)