Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

Paragangliom-Phäochromozytom-Syndrom

Dr. rer. nat. Anne Holtorf

Wissenschaftlicher Hintergrund

Paragangliome und Phäochromozytome sind seltene neuroendokrine Tumoren, die aus Paraganglien bzw. dem Nebennierenmark hervorgehen. Die Prävalenz von Paragangliomen (PGL) wird auf etwa 1:500.000, die von Phäochromozytomen (PCC) auf 1:1.000.000 geschätzt. Manche Paragangliome sezernieren Catecholamine, was mit anfallsartigem oder dauerhaftem Bluthochdruck einhergeht und zusammen mit Kopfschmerzen, Schwindel und/oder Schwitzen auftreten kann. Diese Paragangliome sind häufig im Thorax, Abdomen oder Becken lokalisert. Nicht-sezernierende Paragangliome treten häufiger Kopf-/Halsbereich auf. Sie können asymptomatisch sein oder Beeinträchtigungen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich hervorrufen (z.B. Hörstörungen, Sprachstörungen durch Zungenlähmungen, Schluckbeschwerden, Husten).

Etwa 30% aller Paragangliome/Phäochromozytome sind hereditär und auf eine kausale Keimbahnmutation zurückzuführen, auch bei scheinbar sporadischen Fällen liegt die Mutationsdetektionsrate bei 11-25%. In etwa einem Drittel der hereditär bedingten Fälle sind Mutationen in den Genen SDHAF2, SDHB, SDHC, SDHD oder MAX nachweisbar.

Ursächliche Mutationen in SDHx und MAX sind loss-of-function-Mutationen, die zum Funktionsverlust des betroffenen Allels bzw. dessen Proteinprodukt führen. Erst der Ausfall des zweiten, intakten Allels durch somatische Mutationen kann zur Entartung der betroffenen Zellen führen. Die häufigsten Mutationen werden in den Genen SDHB, SDHC oder SDHD nachgewiesen. Mutationen in SDHAF2 und MAX werden hingegen nur in etwa 6% der Betroffenen detektiert, die zuvor negativ auf SDHB, SDHC und SDHD getestet wurden. PGL/PCC sind aber auch mit anderen hereditären Tumorsyndromen assoziiert und können im Rahmen von Neurofibromatose Typ I (NF1), von-Hippel-Lindau-Syndrom (VHL), oder Multiple endokrine Neoplasien Typ 2 (RET) auftreten.

Derzeit gibt es keine einheitlichen Richtlinien zur Behandlung und Betreuung von Patienten mit familiärem Paragangliom/Phäochromozytom. Vorsorgeuntersuchungen werden Anlageträgern bzw. Risikopersonen ab dem Alter von 10 Jahren bzw. spätestens 10 Jahre vor dem jüngsten Erkrankungsalter in der Familie angeraten, mittels biochemischen Untersuchungen oder bildgebenden Verfahren durchgeführt und sollten möglichst an spezialisierten Zentren erfolgen. Bei nachgewiesener familiärer Mutation können sich Blutsverwandte und Risikopersonen im Rahmen einer genetischen Beratung ab 10 Jahren prädiktiv testen lassen.

Literatur

Bausch B. et al. JAMA Oncol 3:1204 (2017) / Lefebvre M. and Foulkes W.D. Curr Oncol 21:e8 (2014) / Lenders J.W. et al. J Clin Endocrinol Metab pp:1915 (2014) / Fishbein L. et al. Ann Surg Oncol 20:1444 (2013) / Neumann H.P. et al. N Engl J Med 346:1459 (2002) / Bravo E.L. Kidney Int 40:544 (1991)