Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

Progressive Muskeldystrophien

Dr. rer. biol. hum. S. Chahrokh-Zadeh, Dr. med. Imma Rost

Wissenschaftlicher Hintergrund

Muskeldystrophien sind seltene, hereditäre, primäre Erkrankungen der Muskulatur, klinisch, genetisch und biochemisch heterogen, jedoch mit überlappenden klinischen Symptomen. Sie werden charakterisiert durch progressive, üblicherweise proximale Muskelschwäche unterschiedlichen Ausmaßes, die Glieder-, axiale- und faziale Muskeln betreffend, ebenso die Atem-, Herz- und Schluck-Muskeln. Zu den progressiven Muskeldystrophien können die Muskeldystrophie Duchenne/Becker-Kiener, die Myotonen Dystrophien, die heterogene Gruppe der Gliedergürtelmuskeldystrophien, teilweise die Dystroglycanopathien und die Emery-Dreifuß-Muskeldystrophie gerechnet werden. Es handelt sich also um eine heterogene Gruppe von Erkrankungen, die unterschiedliche Manifestationsalter, Schweregrade, Verläufe und Begleitsymptome zeigen. Das breit gefächerte Spektrum hereditärer Muskelerkrankungen führt unvermeidlich zu Schwierigkeiten bei der Klassifikation, selbst für Spezialisten.

Die Prävalenz der Muskeldystrophien bewegt sich zwischen 19,8 und 25,1 von 100.000 Personen-Jahren. Die häufigsten Formen betreffen die Myotone Dystrophie Typ 1 (0,5–18,1 pro 100.000 Personen-Jahren), die Muskeldystrophie Duchenne (1,7–4,2 pro 100.000 Personen-Jahren) und die Fazio-Scapulo-Humerale Muskeldystrophie (FSHD; 3,2–4,6 pro 100.000 Personen-Jahren). Die Gliedergürtelmuskeldystrophien und die kongenitalen Muskeldystrophien sind seltener mit 2,27:100.000 bzw. 0,89:100.000 in Nordengland.

Eine neuere Definition der Gliedergürtelmuskeldystrophien (LGMD): es handelt sich um eine hereditäre Erkrankung, die primär die Skelettmuskulatur betrifft und in eine progressive, überwiegend proximale Muskelschwäche mit Verlust von Muskelfasern resultiert. Um eine Muskelerkrankung als LGMD bezeichnen zu können, muss diese bei mindestens zwei nicht verwandten Familien beobachtet werden, deren Betroffene freies Gehen erlernen, erhöhte Serum-Creatin-Kinase Aktivität und degenerative Muskelveränderungen (Austausch von Skelettmuskel durch adipöses Gewebe) bei der Bildgebung im Laufe der Erkrankung aufweisen und dystrophe Veränderungen in der Muskelhistologie zeigen.

Insgesamt machen die progressiven Muskeldystrophien einen Anteil von rund einem Drittel aller Muskelerkrankungen in verschiedenen Populationen aus. Da es teilweise erhebliche klinische Überlappungen gibt, kann unter Berücksichtigung der Häufigkeiten und nach sorgfältiger Vordiagnostik eine Paneldiagnostik bei der genauen Zuordnung hilfreich sein.

Literatur

Straub et al. 2018 Neuromusc Dis 28:702 / Mathis et al. 2018, Jof the Neurol Sci 384:50 / Nigro et al. 2014, Acta Myologica XXXIII:1 / Wicklund 2013, Continuum 19:1535