Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

Multiple endokrine Neoplasie Typ 1 (MEN1) [D44.-]

OMIM-Nummer: 131100, 613733 (MEN1)

Dr. rer. nat. Anne Holtorf, M.Sc. Sarah Fischer

Wissenschaftlicher Hintergrund

Das MEN1-Syndrom ist charakterisiert durch das Auftreten von Neoplasien verschiedener endokriner Organe. Die Erkrankung folgt einem autosomal-dominanten Erbgang. Die Prävalenz wird mit ca. 1:30.000 angegeben. Klinisch äußert sich MEN1 i.d.R. durch eine Hormon-Überproduktion, welche durch den Tumor ausgelöst wird. Etwa 95% der Patienten sind von einem Nebenschilddrüsenadenom betroffen. Des Weiteren zählen Adenome oder maligne Tumoren des endokrinen Pankreases und Duodenums sowie der Adenohypophyse zu den häufigsten Manifestationen. Seltener werden auch dermale Tumoren, Schilddrüsen- und Nebennierenläsionen diagnostiziert. Klinisch gilt das MEN1-Syndrom als gesichert, wenn ein Betroffener in mindestens zwei endokrinen Organen Neoplasien ausbildet.

Ursache des MEN1-Syndroms sind Mutationen im Tumorsuppressorgen MEN1, welches aus 9 kodierenden Exons besteht. Das Gen kodiert das 610 Aminosäuren-lange Protein MENIN, welches vermutlich in Mechanismen zur Regulation der DNA-Synthese und des Zellzyklus involviert ist. Es sind verschiedenste Mutationen (Punktmutation, Deletionen größerer Genabschnitte) im gesamten kodierenden Bereich des MEN1-Gens beschrieben, es gibt keine Genotyp-Phänotyp-Korrelationen. Keimbahnmutationen in MEN1 führen nicht unmittelbar zur Entartung. Erst nach Ausfall des zweiten intakten MEN1-Allels durch somatische Mutationen kann es zur unkontrollierten Teilung und Entartung der betroffenen Zellen kommen (Zwei-Treffer-Hypothese nach Knudson). Die Penetranz wird bei Anlageträgern allerdings mit 90% bis zum 50. Lebensjahr angegeben.

Bei etwa 77% der Betroffenen mit familiärem MEN1 (wenn neben dem Betroffenen ein weiterer Blutsverwandter MEN1-assoziierte Symptome aufweist) können Keimbahnmutationen in MEN1 nachgewiesen werden. Bei einem sporadischen MEN1-Syndrom, bei dem keine auffällige Familienanamnese festgestellt werden kann, werden bei etwa 68% der Patienten Keimbahnmutationen detektiert. Bei ca. 10 – 20% der Patienten kann keine kausale Mutation im kodierenden Bereich des Gens nachgewiesen werden.

Die genetische Untersuchung des MEN1-Gens wird empfohlen bei:

  • Auftreten von mind. zwei MEN1-assoziierten Neoplasien bei einem Betroffenen,
  • Hyperparathyreoidismus vor dem 40. Lebensjahr,
  • Gastrinom oder Inselzelltumor des Pankreas, oder
  • Rezidiv eines pHPT, V.a. Mehrdrüsenhyperplasie

Bei Vorliegen einer pathogenen Mutation wird dem Anlageträger ein systematisches Vorsorgeprogramm empfohlen, beginnend ab dem 16. Lebensjahr (bzw. 10 Jahre vor dem jüngsten Erkrankungsalter in der Familie). Die prädiktive genetische Untersuchung von Risikopersonen bei bekannter familiärer Mutation wird derzeit ab dem 16. Lebensjahr empfohlen und kann im Rahmen einer genetischen Beratung durchgeführt werden.

Literatur

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