Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

Hereditäres diffuses Magenkarzinom

OMIM-Nummer: 137215, 192090 (CDH1), 116805 (CTNNA1)

Dr. rer. nat. Anne Holtorf, M.Sc. Sarah Fischer

Wissenschaftlicher Hintergrund

Jährlich erkranken in Deutschland ca. 6300 Frauen und 9300 Männer an Magenkrebs. Etwa 1-3% aller Magenkarzinomerkrankungen sind erblich bedingt (hereditary diffuse gastric cancer, HDGC). Bei Betroffenen eines HDGC lassen sich eine familiäre Häufung der Erkrankung, auffällig junge Erkrankungsalter (durchschnittlich 38 Jahre), sowie histopathologisch ein Karzinom mit Siegelringzellen oder des diffusen Typs beobachten.

Ursächlich für HDGC sind Funktionsverlust-Mutationen im CDH1-Gen. CDH1 ist auf Chromosom 16q22.1 lokalisiert und besteht aus 16 Exons. Das Gen kodiert das Protein E-Cadherin (epithelial cadherin), welches hauptsächlich in Epithelien vorkommt und dort unter anderem an der Ausbildung von Zell-Zell-Kontakten beteiligt ist. Des Weiteren spielt es eine Rolle bei der intrazellulären Signaltransduktion und der embryonalen Morphogenese.

In bis zu 40% der Patienten mit hereditärem diffusen Magenkarzinom sind pathogene Varianten im CDH1-Gen ursächlich. Anlageträger von pathogenen CDH1-Varianten besitzen ein Risiko von 40-70% (Männer) bzw. 60-80% (Frauen), im Laufe ihres Lebens an einem Magenkarzinom zu erkranken. Frauen haben zudem ein 40-50%iges Risiko, lobulären Brustkrebs zu entwickeln. Außerdem konnte ein Zusammenhang zwischen dem Nachweis von CDH1-Varianten und der Manifestation einer Lippen-/Kiefergaumenspalte in Patienten aus HDGC-Familien beschrieben werden. In wenigen Familien, die zuvor negativ auf CDH1 getestet wurden, konnten pathogene Varianten im CTNNA1-Gen nachgewiesen werden. Abgesehen von CDH1 und CTNNA1 sind derzeit keine weiteren Gene mit dem Auftreten des hereditären diffusen Magenkarzinoms assoziiert. Magenkarzinome können auch gehäuft im Rahmen eines HNPCC-Syndroms, Peutz-Jeghers-Syndroms oder eines FAP-Syndroms auftreten.

Entsprechend der aktuellen S3-Leitlinie Magenkarzinom sind folgende Kriterien hinweisend für den Verdacht auf ein hereditäres, diffuses Magenkarzinom:

  • Zwei oder mehr Verwandte ersten und zweiten Grades an Magenkarzinom erkrankt (unabhängig vom Alter), einer von beiden mit diffusem Magenkarzinom ODER
  • ein Familienmitglied vor dem 40. Lebensjahr mit diffusem Magenkarzinom ODER
  • ein Familienmitglied mit diffusem Magenkarzinom und ein weiteres Familienmitglied mit lobulärem Mammakarzinom, davon eine Erkrankung vor dem 50. Lebensjahr ODER
  • zwei Familienmitglieder mit lobulärem Mammakarzinom vor dem 50. Lebensjahr, oder eine Person mit bilateralem lobulären Mammakarzinom ebenfalls vor dem 50. Lebensjahr ODER
  • Nachweis eines diffusen Magenkarzinoms und einer Lippen-/Kiefergaumenspalte in der Familie ODER
  • histologisch bestätigtes in situ-Siegelringzellkarzinom und/oder pagetoide Ausbreitung von Siegelringzellen

Bei klinisch gesichertem HDGC werden regelmäßige Endoskopien bzw. Chromoendoskopie-Untersuchungen empfohlen. Bei Nachweis einer pathogenen CDH1-Variante ist eine prophylaktische Gastrektomie indiziert. Frauen mit nachgewiesener ursächlicher CDH1-Keimbahnvariante sollten intensivierte Vorsorgeuntersuchung der Brust, beginnend ab dem 30. Lebensjahr wahrnehmen. Blutsverwandte und Nachkommen von CDH1-Anlageträgern können sich im Rahmen einer genetischen Beratung gezielt auf die in der Familie nachgewiesene ursächliche Variante untersuchen lassen.

Literatur

Figueiredo et al. 2019, J Med Genet 56:199 / Kaurah et al 2018, Hereditary Diffuse Gastric Cancer, GeneReviews®, www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK1139/ / van der Post RS et al. 2015, Gastroenterology 149:897 / van der Post RS et al. 2015, J Med Genet 52:361 / Leitlinienprogramm Onkologie: S3-Leitlinie Magenkarzinom, Langversion 2.01 (Konsultationsfassung), 2019 / Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland 2016, www.krebsdaten.de/krebsbericht