Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

Großwuchssyndrome

Dr. rer. biol. hum. Soheyla Chahrokh-Zadeh, M.Sc. Anna Munzig

Wissenschaftlicher Hintergrund

Großwuchssyndrome umfassen eine heterogene Gruppe von Erkrankungen, denen ein überdurchschnittliches (Längen-)Wachstum im Kindesalter gemeinsam ist. Für den Begriff "Großwuchs" (Engl: overgrowth) gibt es bisher keine formale Definition. Er kann generalisiert sein (den gesamten Körper betreffen), oder nur segmental (einen Teil des Körpers betreffen). Ein Definitionsvorschlag wäre: dysmorphe Merkmale plus Größe und Kopfumfang größer +2 SD (Standardabweichungen), Zielgröße (berechnet auf Basis der mittleren Größe der Eltern) größer als +2 SD. Zu den pädiatrischen Großwuchssyndromen zählen u.a.: Beckwith-Wiedemann-, Sotos-, Weaver-, Simpson-Golabi-Behmel-, Perlman- und das Tatton-Brown-Rahman-Syndrom. Hauptkennzeichen sind erhöhtes prä- und postnatales Längenwachstum - im Vergleich mit Gleichaltrigen -, faziale Auffälligkeiten und teilweise psychomotorische Entwicklungsverzögerung. Bei den Syndromen gibt es z.T. phänotypische Überlappungen, die eine klinische Abgrenzung erschweren, aber auch charakteristische Symptome, die eine bestimmte Verdachtsdiagnose nahelegen, wie z.B. die Kombination aus Großwuchs, Omphalozele und Makroglossie beim Beckwith-Wiedemann-Syndrom. Veränderungen in verschiedenen Genen, wie NSD1 (Sotos-Syndrom 1), NFIX (Sotos-Syndrom 2) und EZH2 (Weaver-Syndrom) bilden die molekulare Grundlage der Syndrome, deren Untersuchung zur differenzialdiagnostischen Aufklärung verhelfen kann. Das Tatton-Brown-Rahman-Syndrom oder 'DNMT3A-Großwuchssyndrom' entsteht durch pathogene Varianten des DNMT3A-Gens. Es handelt sich um eines der Gene, die für DNA-Methyltransferase-Enzyme kodieren. Eine Sonderstellung nimmt das Beckwith-Wiedemann-Syndrom ein, das nicht nur durch pathogene Varianten in CDKN1C , sondern häufiger durch epigenetische Veränderungen auf dem Kurzarm von Chromosom 11 verursacht wird. Bei einigen der Syndrome besteht ein erhöhtes Risiko für embryonale Tumoren, beim Beckwith-Wiedemann- und beim Perlman-Syndrom für einen Wilms-Tumor, wehalb hier spezifische Vorsorgemaßnahmen indiziert sind.

Literatur

Kamien et al. 2018 Mol Syndromol 9:70 / Tatton-Brown et al. 2017 Am J Hum Genet
100: 725 / da Silva Lacerda et al. 2014, Radiol Res and Pract, Article ID 947451 / Tatton-Brown et al. 2014, Nat Genet 46:385 / Tatton-Brown et al. 2013, Am J Med Genet C Semin Med Genet 163C:71 / Neylon et al. 2012 Curr Opin Pediatr 24:505