Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Defizienz (Favismus)

Dr. rer. biol. hum. Katrin Goldmann, Dipl.-Biol. Birgit Busse

Wissenschaftlicher Hintergrund

Favismus (von lateinisch: faba = Bohne) ist eine X-chromosomal-rezessiv vererbte Stoffwechselerkrankung aufgrund eines Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase (G6PD)-Mangels. Das Enzym Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase nimmt eine Schlüsselposition im Pentosephosphatweg ein und katalysiert die Umwandlung von Glucose-6-Phosphat in D-Glucono-1,5-Lactono-6-Phosphat. Dabei entstehen Reduktionsäquivalente wie NADPH, die bestimmte Zellstrukuren (z.B. Erythrozytenmembranen) vor oxidativen Schäden bewahren. Durch den G6PD-Enzymmangel verliert die Zelle diesen Schutzmechanismus und es treten hämolytische Anämien auf.

Verschiedene pathogene Varianten im G6PD-Gen führen zu einem G6PD-Mangel. Je nach Variante variiert die enzymatische Restaktivität und damit die Ausprägung der Symptomatik. Entsprechend der gemessenen Enzymaktivität wird der G6PD-Mangel in verschiedene Klassen eingeteilt:


Tabelle: WHO-Klassifikation der G6PD-Defizienz


Aufgrund des X-chromosomalen Erbgangs sind vorwiegend Männer betroffen. Hemizygote Männer und homozygote bzw. kombiniert-heterozygote Frauen mit Varianten auf dem X-Chromosom zeigen den voll ausgeprägten Phänotyp. Heterozygote Anlageträgerinnen zeigen in der Regel nur dann Symptome, wenn eine präferenzielle Expression des betroffenen Allels, z.B. aufgrund einer verschobenen X-Inaktivierung, vorliegt. In der deutschen Bevölkerung liegt die Prävalenz bei 0,14-0,37%,  in einigen Ländern des Mittelmeerraums, Afrikas und Asiens liegt sie bei 3-35%. In der westeuropäischen Bevölkerung ist die durch die Variante c.563C>T (p.Ser188Phe) bedingte mediterrane Form die häufigste Ursache für Favismus. Sie führt zu einem schweren Krankheitsverlauf (WHO Klasse II). Oxidativ wirkende Medikamente können hämolytisch-anämische Krisen auslösen und sollten daher nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung verordnet werden. Auch die Proteine der Fava-Bohne (Aglycone) und deren Pollen sind Auslöser hämolytischer Ereignisse.

Literatur

Belfield and Tichy, Am J Health Syst Pharm 2018 75:97 / Minucci et al. 2009, IUBMB Life, 61: 27 / Turan 2006, Archives of Medical Research 37:880 / Beutler and Vulliamy 2002, Blood Cells Mol Dis 28:93 / Vulliamy et al. 1988, Proc Nat Acad Sci 85:571 / www.favismus.de