Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

FSH-Rezeptor-Defizienz, Ovarialdysgenesie

Dr. rer. nat. Annett Wagner, Dr. med. Dagmar Wahl

Wissenschaftlicher Hintergrund

Das follikelstimulierende Hormon (FSH) spielt durch Stimulation der Östrogenproduktion in den Granulosazellen eine wichtige Rolle bei der hypothalamisch-hypophysär gesteuerten Eizellreifung im Ovar der Frau. Beim Mann ist FSH an der Reifung der Spermatozoen in den Testes beteiligt. Die FSH-Rezeptor-Defizienz (FSHR-Defizienz) ist eine seltene Störung, die im weiblichen Geschlecht zu verzögerter Pubertät, primärer Amenorrhoe und Infertilität, sowie beim Mann zu einer Störung der Spermatogenese führt.

FSHR-Defizienz wird autosomal-rezessiv vererbt. Das Gen FSHR liegt auf Chromosom 2p16.3, umfasst 10 Exons und kodiert für ein Protein mit 695 Aminosäuren. Veränderungen im FSHR können funktionell in drei Gruppen unterteilt werden: Aktivierende, inaktivierende und neutrale Varianten. Aktivierende Varianten bewirken ein gesteigertes Ansprechen des FSH-Rezeptors auf FSH, wodurch es zu einem ovariellen Hyperstimulationssyndrom kommen kann. Inaktivierende Varianten hingegen führen zu einer verminderten FSH-Antwort, was in der Regel einen kompensatorischen Anstieg von FSH im Serum bewirkt. Neutrale Varianten haben nach dem derzeitigen Wissenstand keine funktionelle Bedeutung.

Eine hypergonadotrope Ovarialinsuffizienz kann Folge einer Ovarialdysgenesie (ODG) sein. Ca. die Hälfte der Fälle mit primärer Amenorrhoe ist auf eine XX-Gonadendysgenesie zurückzuführen. Genetisch werden Ovarialdysgenesie Typ 1 bis Typ 4 unterschieden, mit ursächlichen Varianten in den Genen FSHR (ODG1), BMP15 (ODG2), PSMC3IP (ODG3) und MCM9 (ODG4). Desweiteren wurden bei einer Reihe von Ovarialanomalien ursächliche Varianten im NR5A1 (SF1)-Gen gefunden. Bei unauffälligem weiblichen Karyotyp kann die Untersuchung dieser Gene in Rahmen einer Multi-Gen-Panel-Sequenzierung (NGS) erfolgen.

Literatur

Fauchereau et al. 2016, Clin Genet 89:603 / Zangen et al. 2011, Am J Hum Genet 89:572 / Lourenco et al. 2009, N Engl J Med 360:1200 / Rossetti et al. Hum Mutat 30:804 / Lussiana et al. 2008, Obstet Gynecol Surv 63:785 / Dixit et al. 2006, Hum Genet 119:408 / Behre et al. 2005, Pharmacogenet Genom 15:451