Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

Epilepsien bei seltenen Chromosomenstörungen

Dr. med. Imma Rost, Dr. rer. nat. Karin Mayer, M.Sc. Anna Munzig, Dipl.-Biol. Uwe Heinrich

Wissenschaftlicher Hintergrund

Epilepsien treten mit einer Häufigkeit von 0,5 bis 1% auf; knapp die Hälfte davon beginnt bereits im Kindesalter. Davon sind wiederum mindestrens 50% genetisch bedingt, wobei die Ursache in den meisten Fällen multifaktoriell bzw. polygen ist. Nur 1 bis 2% der sog. idiopathischen Epilepsien folgen einem monogenen Erbgang. Die ILAE (Internationale Liga gegen Epilepsie) schlägt vor, die bisher als idiopathisch bezeichneten Epilepsien in „genetische Epilepsien“ umzubenennen.

Den idiopathischen (genetischen) Epilepsien können die symptomatischen Epilepsien gegenübergestellt werden, die z.B. sekundär als Folge einer angeborenen Gehirnfehlbildung (z.B. Migrationsstörung) auftreten, im Rahmen eines übergeordneten genetischen Syndroms (z.B. Angelman-Syndrom, Rett-Syndrom, Tuberöse Sklerose) oder bei chromosomalen Imbalancen (z.B. Ringchromosom 20 oder 14, Mikrodeletion 15q13.3, 15q11.2, 16p13.11, zusätzliches Markerchromosom 15 unter Einschluss der Region 15q11.2 und andere). Nach der revidierten Terminologie der ILAE würden diese Epilepsien den „nicht-syndromalen Epilepsien“ zugerechnet.

Aufgrund der klinischen und genetischen Heterogenität bietet sich gerade bei den Epilepsien das Next Generation Sequencing (NGS) (siehe Paneldiagnostik Epilepsien) als Methode an, da so in einem Untersuchungsgang die Sequenzierung einer Vielzahl von möglicherweise ursächlich beteiligten Genen möglich ist. NGS kann auch bei der Untersuchung der Eltern eines Patienten mit einer dominanten Neumutation zur Klärung der Vererbung und damit des Wiederholungsrisikos sinnvoll sein, da in einigen Familien die ursächliche Variante bei einem Elternteil in Mosaikform nachgewiesen wurde und NGS Mosaike besser nachweisen kann als die klassische Sanger-Sequenzierung.

Eine Chromosomenanalyse ist z.B. bei einer Frontallappenepilepsie und Verdacht auf ein Ringchromosom 20 (Mosaik) indiziert. Da mehrere Studien (Mefford et al, Ann Neurol 70(6), 974-985, 2011; Striano et al, Arch Neurol 69(3): 322-30, 2012) zeigen konnten, dass Epilepsien auch bei Mikrodeletionen und -duplikationen auftreten können, kann auch eine Mikroarray-Analyse indiziert sein, v.a. wenn als weiteres Leitsymptom eine Entwicklungsverzögerung oder andere neuropsychiatrische Symptome vorliegen.

Epilepsien bei einigen seltenen Chromosomenstörungen


Literatur

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