Immundefekterkrankungen

Laut Hochrechnungen leben in Europa ca. 1,5 Mio. Menschen mit einem angeborenen, primären Immundefekt (PID; siehe auch www.dsai.de). Die Betroffenen leiden trotz der Möglichkeiten der modernen Antibiotikatherapie unter häufigen, schwer beherrschbaren Infektionen. Allein in Deutschland geht man derzeit von über 100.000 Betroffenen aus, aber nur etwa 2.000 Patienten wurden bislang einer Diagnose zugeführt. Eine frühzeitige Diagnose ist allerdings wichtige Grundvoraussetzung, um Prognose und Lebensqualität der Patienten entscheidend zu verbessern. Mittlerweile stehen neue Diagnostikverfahren (u.a. genetische Untersuchungen) sowie verbesserte Therapieformen (z.B. regelmäßige Gabe von Antikörperzubereitungen, Enzymersatztherapie, moderne Antibiotika bzw. Antimykotika bis hin zur Transplantation von Stammzellen aus Knochenmark oder peripherem Blut sowie gentherapeutische Ansätze) zur Verfügung. Seit August 2019 werden Neugeborene mit einem Bluttest auf schwere angeborene Immundefekte gescreent.

Unter einem Immundefekt (Synonym: Immundefizienz) versteht man den Oberbegriff für verschiedene Erkrankungen des Immunsystems, die durch eine vorübergehende oder auch irreversible Störung der Abwehrfunktion gekennzeichnet sind. Von einem angeborenen oder primären Immundefekt spricht man, wenn die Immunschwäche angeboren ist, familiär gehäuft auftritt und/oder vererbt werden kann. Ein sekundärer Immundefekt ist dagegen eine erworbene Störung des Immunsystems, bekanntestes Beispiel hierfür ist AIDS (acquired immune deficiency syndrome).

In den letzten Jahren haben Fortschritte in den Techniken der Molekulargenetik und Immunologie zur Identifizierung einer wachsenden Zahl an PID verursachenden Genen geführt. Inzwischen kennt man mehr als 330 verschiedene primäre Immundefekte, die nach der International Union of Immunological Societies (IUIS) in 8 Klassen unterteilt werden (siehe Abbildung). Dazu kommt noch die Gruppe der Phänokopien von primären Immundefekten (hervorgerufen durch somatische Mutationen oder Autoantikörper).

  1. Immundefekte, bei denen der Antikörpermangel im Vordergrund steht (z. B. Agammaglobulinämie, Common Variable Immundeficiency [CVID])
  2. T- und B-Zelldefekte (z. B. Severe Combined Immunodeficiency [SCID])
  3. Andere gut definierte Immundefekt-Syndrome (z. B. Wiskott-Aldrich-Syndrom)
  4. Störungen der Immunregulation (z. B. X-gebundenes lymphoproliferatives Syndrom, APECED-Syndrom)
  5. Defekte der Phagozytenzahl und -funktion (z. B. Schwere angeborene Neutropenien)
  6. Defekte der natürlichen Immunität (z. B. Chronisch mukokutane Candidiasis)
  7. Komplementdefekte
  8. Autoinflammatorische Erkrankungen, die sich klinisch jedoch nicht unter dem Leitsymptom der vermehrten Infektanfälligkeit präsentieren (z. B. periodische Fiebersyndrome)

Ein Großteil der Patienten mit Verdacht auf einen Immundefekt ist bereits in der Basisdiagnostik (Blutbild und Differentialblutbild, quantitative Immunglobuline IgG, IgA, IgM) auffällig. In manchen Fällen kann eine weiterführende Diagnostik nötig sein, die u.a. die Phänotypisierung von Lymphozytensubpopulationen, Phagozyten-Funktionstests, Bestimmung von Impfantikörpern und Expressionsanalysen umfasst. Die klinische Diagnose sollte letztendlich durch die molekulargenetische Analyse bestätigt werden. Ergibt sich aus den Voruntersuchungen bereits ein hinreichender Verdacht, kann gezielt das entsprechende Gen sequenziert werden. Bei uneindeutigem Phänotyp oder heterogenem Krankheitsbild bietet sich die parallele Untersuchung der Kandidatengene durch eine Multi-Gen-Panel-Analyse mittels NGS an.