Pendred Syndrom / autosomal-rezessive sensorineurale nicht syndromale Schwerhörigkeit mit erweiterten Aquaeducutus vestibuli (DFNB4)

Dr. rer. biol. hum. Soheyla Chahrokh-Zadeh, M. Sc. Anna Munzig

Wissenschaftlicher Hintergrund

Beim Pendred-Syndrom (PDS) handelt es sich um eine autosomal-rezessiv vererbte Form der prälingualen, beidseitigen Innenohrschwerhörigkeit, welche u.a. auch mit der Entwicklung einer eu- oder hypothyreoten Struma im späten Kindes- oder frühen Erwachsenenalter einhergeht, wobei sich für beide Symptome auch innerhalb einer Familie eine große Variabilität zeigt. Zudem können Fehlbildungen des Innenohres auftreten. 80 bis 100% der Patienten weisen erweiterte Aquaeductus vestibuli auf, ca. 20% die Mondini-Fehlbildung der Cochlea. Durch die meist schon von Geburt an vorliegende Hörstörung ist bei den Patienten oft eine Verzögerung oder ein komplettes Fehlen des Spracherwerbs zu beobachten. Die biochemische Ursache für die Entwicklung einer Struma ist ein Defekt der Überführung von Jodid in organische Bindung innerhalb der Schilddrüse, was zu einer Störung der Synthese des Schilddrüsenhormons (T4) führt. Daher kann im Blut der Patienten häufig ein erniedrigter Spiegel von freiem T4 nachgewiesen werden.

Pathogene Varianten im SLC26A4-Gen, das für das Protein Pendrin codiert, sind ursächlich für das Pendred-Syndrom und gleichzeitig auch für die autosomal-rezessive sensorineurale nicht syndromale Schwerhörigkeit DFNB4. Die klinische klinische Differenzierung ist vor allem im frühen Kindesalter fast nicht möglich.

Pendrin ist ein Anionen-Austauscher, der überwiegend in den Epithelzellen des Innenohrs, der Schilddrüse und der Niere exprimiert wird und u.a. Cl-, I-, HCO3- über die Zellmembran transportiert.

Neben dem SLC26A4-Gen können auch pathogene Varianten der Gene FOXI1 und KCNJ10 ursächlich für das Aquaeductus vestibuli-Syndrom sein (digenische Vererbung). Der Aquaeductus vestibuli umschließt als knöcherner Kanal den Ductus endolymphaticus zwischen Vestibulum und der Oberfläche der Felsenbeinpyramide. Er geht in den Saccus endolymphaticus über. Der erweiterte Aquaeductus vestibuli ist die häufigste Fehlbildung des Innenohres, die mit CT oder MRT diagnostiziert werden kann. Es handelt sich morphologisch um eine Erweiterung des Ductus und Saccus endolymphaticus. Als pathologisch wird eine Weite von mehr als 1,5 mm bis 2 mm angesehen. Typisch für dieses Krankheitsbild ist die Schallempfindungsschwerhörigkeit, die sich schubweise, oft nach Bagatelltraumen, verschlechtert. Eine intracranielle Drucksteigerung wird als Ursache angesehen, die sich auf den Endolymphraum überträgt.

Die Prävalenz des Pendred-Syndroms ist unbekannt. Es wird jedoch geschätzt, dass es 7,5% aller Fälle kongenitaler Schwerhörigkeit ausmacht. Somit wäre die Prävalenz der Erkrankung relativ hoch. Neueren Studien zufolge machen pathogene Varianten im SLC26A4-Gen ca. 1-12% aller Fälle sensorineuraler Hörstörung bei Kindern aus.  Damit wäre es die zweithäufigste Ursache dieser Erkrankung nach pathogenen Veränderungen im DFNB1-Lokus (s. auch Hörverlust, autosomal-rezessiv, nicht-syndromal GJB2- bzw. GJB6-Gen).

Literatur

Zalewski et al. 2015 Otolaryngo–Head and Neck Surg 153:257 / Pique et al. 2014, PeerJ 2:e384 /Du et al. 2014, Hindawi Publ Co BioMed Res Int dx.doi.org/10.1155/2014/746838 / Landa et al. 2013, BMC Medical Genet 14:85 / Taku et al. 2011, Cell Physiol Biochem 28:545 / Dror et al. 2011, Cell Physiol Biochem 28:535 / Choi et al. 2011, Adv Otorhinolaryngol 70:43 / Rasinski et al. 2005, Poster:24. Kongress der Union der Europäischen Phoniater. Berlin, 16.-18.09.2005. Düsseldorf, Köln: German Medical Science, Doc05dgppP07 (05dgppP07)

V.a. Pendred-Syndrom; DD: autosomal-rezessiv vererbte Hörstörung
V.a. Anlageträgerschaft für Pendred-Syndrom

Ü-Schein Muster 10 mit folgenden Angaben

  • Diagnose: Pendred Syndrom oder autosomal-rezessive Hörstörung
    ICD-10 Code [E07.1] und/oder [H91.9]
  • Auftrag: Mutationssuche SLC26A4

Hinweis:
Schriftliche Einwilligungserklärung gemäß GenDG erforderlich

1 ml EDTA-Blut

Stufe I: 3 Wochen
Stufe II: weitere 3 Wochen