Zentrum f�r Humangenetik und Laboratoriumsmedizin, Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen

Ataxien, spinocerebelläre autosomal-dominante (SCA) [G11.9]

OMIM: 164400 (SCA1), 601556 (ATXN1), 183090 (SCA2), 601517 (ATXN2), 109150 (MJD), 607047 (ATXN3), 183086 (SCA6), 601011 (CACNA1A), 164500 (SCA7), 607640 (ATXN7), 607136 (SCA17), 600075 (TBP)

Dr. rer. biol. hum. Soheyla Chahrokh-Zadeh

Wissenschaftlicher Hintergrund

Bei den autosomal-dominant vererbten spinocerebellären Ataxien handelt es sich um eine klinisch und genetisch heterogene Gruppe von Erkrankungen, die mittlerweile ca. 40 Unterformen einschließt. Die Prävalenz wird auf wenigstens 3:100.000 (in den Niederlanden) geschätzt. Die genetische Ursache ist noch nicht bei allen Formen aufgeklärt. Allen gemeinsam ist das klinische Leitsymptom der progredienten Ataxie. Neben der Gangunsicherheit können Störungen von Okulomotorik und Sprache, Rumpf- und Extremitätenataxie und Intentionstremor sowie zusätzliche neurologische Symptome auftreten. Klinisch werden 3 Formen unterschieden: Typ 1 mit Augensymptomatik und verschiedenen weiteren neurologischen Symptomen (SCA1-4, 8, 12, 13, 17), Typ 2 mit einer pigmentösen Makuladegeneration (SCA7), Typ 3 als reine cerebelläre Ataxie (SCA5, 6, 10, 11, 14).

Die Krankheit beginnt meist zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr, aber sie kann auch in der Kindheit oder nach der 6. Dekade einsetzen. Die Unterformen SCA1, 2, 3, 6 und 7 werden durch pathologische CAG-Triplett-Repeat-Expansionen innerhalb verschiedener Gene verursacht. Wie bei anderen Triplett-Repeat-Erkrankungen wird auch bei den SCAs innerhalb der Familien eine Antizipation, d.h. eine Vorverlagerung des Erkrankungsalters und ein schwererer Verlauf in aufeinanderfolgenden Generationen, beobachtet. SCA17, hier findet sich die CAG-Repeat-Expansion innerhalb einer komplexen CAG/CAA-Repeat-Region, ist phänotypisch variabler und komplexer. Aufgrund des breiten klinischen Spektrums kann SCA17 andere neurodegenerative Erkrankungen wie Chorea Huntington, Morbus Parkinson und andere Bewegungsstörungen und zerebelläre Erkrankungen vortäuschen, es sind auch Patienten mit ausschließlich psychiatrischen Symptomen (Demenz, bipolare Psychose, Paranoia u.a.) ohne Ataxie oder Bewegungsstörungen beschrieben. Aufgrund der Ähnlichkeit der klinischen Erscheinungen zur Chorea Huntington hat man u.a. für SCA17 die Bezeichnung „Huntington‘s Disease-like 4 Syndrome (HDL4)“ eingeführt. Eine Zuordnung bei nicht eindeutiger klinischer Symptomatik kann durch die molekulargenetische Diagnostik versucht werden.