Das Rett-Syndrom ist eine X-chromosomal-dominante neurodegenerative Erkrankung (Häufigkeit 1:10.000), die überwiegend beim weiblichen Geschlecht auftritt. Beim klassischen Verlauf verlieren die Kinder nach zunächst unauffälliger Entwicklung zwischen dem 6. und 18. Lebensmonat bereits erworbene Fähigkeiten, v.a. sinnvolle Handfunktionen, sprachliche Äußerungen und soziale Interaktion. Ein Leitsymptom ist die Entwicklung stereotyper Handbewegungen. Weitere Symptome sind verzögertes Wachstum, Mikrozephalie, Gangataxie, Episoden von Apnoe oder Hyperpnoe, Schlafstörungen, zunehmende Skoliose und Krampfanfälle. Die wenigen männlichen Betroffenen zeigen überwiegend eine schwere neonatale Enzephalopathie. Die Behandlung des Rett-Syndroms ist symptomatisch (Gabe von Antikonvulsiva bei Krampfanfällen, Physiotherapie der Skoliose, aktives Ernährungsmanagement).
Die Erkrankung wird durch Mutationen im MECP2-Gen hervorgerufen, das für ein Protein kodiert, welches an der Regulation der Genexpression durch Methylierung beteiligt ist. Der Schweregrad der Erkrankung wird durch das Muster der X-Inaktivierung und den Mutationstyp beeinflußt. Die meisten Mutationen entstehen de novo, so dass das Wiederholungsrisiko gering ist. Selten liegt die Mutation in Kombination mit einer non-random-X-Inaktivierung bereits bei der klinisch unauffälligen Mutter vor, so dass die Diagnostik bei der Mutter eines betroffenen Kindes indiziert ist. Da in Einzelfällen auch ein Keimzellmosaik beobachtet wurde, kann auch eine Pränataldiagnostik bei fehlendem mütterlichen Mutationsnachweis indiziert sein. Bei wenigen Patienten mit einer nicht-klassischen Form des Rett-Syndroms mit früh einsetzenden Krampfanfällen wurden Mutationen im CDKL5-Gen gefunden.
Mädchen mit V.a. Rett-Syndrom, männliche Säuglinge mit unklarer, schwerer Enzephalopahtie, Mütter von betroffenen Kindern mit nachgewiesener Mutation
Ü-Schein Muster 10 mit folgenden Angaben - Ausnahmekennziffer: 32010
- Diagnose/Verdachtsdiagnose: Rett-Syndrom (ICD-10 Code: [F84.2])
- Auftrag: Stufe I: Mutationssuche MECP2-Gen
und/oder Stufe II: MLPA-Analyse MECP2-Gen
Hinweis: Schriftliche Einwilligungserklärung gemäß GenDG erforderlich
Stufe I: Aus genomischer DNA werden Exon 1-4 des MECP2-Gens einschließlich der Intron/Exon-Spleißstellen amplifiziert und sequenziert.
Stufe II: Aus genomischer DNA wird eine quantitative Analyse von 24 Abschnitten der chromosomalen Region Xq28, die u.a. das MECP2-Gen enthält, auf das Vorhandensein von Deletionen mittels MLPA durchgeführt.
Temudo et al, Brain Dev 33:69 (2011) / Psoni et al, Pediatr Res 67:551 (2010) / Saunders et al, Am J Med Genet A 149A:1019 (2009) / Hite et al, Biochem Cell Biol 87:219 (2009) / Ghosh et al, J Biol Chem 283:20523 (2008) / Williamson et Christodoulou, Eur J Hum Genet 14:896 (2006) / Bienvenu et Chelly, Nat Rev Genet 7:415 (2006), Erratum in: 7:583 (2006) / Weaving et al, Clin Genet 69:1 (2006) / Wan et al, Am J Hum Genet 65:1520 (1999) / Rett, Wien Med Wschr, 116:723 (1966)
|