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Genetik der Infertilität

Dr. rer. nat. Annett Wagner, Dr. med. Dagmar Wahl

Der Anteil ungewollt kinderloser Paare im reproduktionsfähigem Alter hat in den letzten Jahren stetig zugenommen und liegt derzeit bei ca. 15%. Aktuellen Schätzungen der WHO zufolge liegt die Sterilitäts-ursache in ca. 30% der Fälle beim Mann, in ca. 35% bei der Frau und in ca. 20% ist sie bei beiden Partnern zu suchen, 15% der Fälle bleiben ungeklärt.

Neben einer gynäkologischen, endokrinologischen und andrologischen Untersuchung ist meist auch eine genetische Untersuchung beider Partner indiziert

Eine der Hauptursachen für weibliche Infertilität sind hormonelle Störungen, die durch erhöhte Androgenwerte in Verbindung mit Ovarialzysten, Gewichtsproblemen, großen Gewichtsveränderungen innerhalb kurzer Zeit, starken körperlichen Belastungen oder Störungen der Schilddrüsen-

funktion hervorgerufen werden. Seltener sind Tumore oder bestimmte Medikamente ursächlich für Hormonstörungen. Etwa 1/3 der infertilen Frauen weisen teilweise oder komplette Verschlüsse der Eileiter auf, deutlich seltener sind Fehlbildungen der inneren Geschlechtsorgane. Vergleichsweise häufig ist die Bildung von Antikörpern gegen männliches Sperma im Gebärmutterhals.

Zu den häufigsten chromosomalen Ursachen weiblicher Fertilitätsstörungen gehören:

- Ullrich-Turner-Syndrom (primäre Ovarialinsuffizienz, Kleinwuchs)
- Triplo-X-Syndrom (z.T. Ovarialinsuffizienz / Climacterium praecox)
- gonosomale Mosaike (ca. 0,7% der Fälle)
- reziproke Translokationen (ca. 1% der Fälle)
- Robertsonsche Translokationen (ca. 0,4% der Fälle)

 

Die häufigsten gonosomalen Aberrationen

Die häufigste Ursache männlicher Infertilität liegt in der mangelhaften Produktion normaler, gut motiler Spermien. Erst ab einer Spermienzahl von 20 Mio/ml Sperma mit 30% morphologisch normalen und 50% gut beweglichen Spermien geht man von einer gesicherten Zeugungsfähigkeit aus. Störungen der Spermienreife können beispielsweise durch eine Parotitis epidemica, Varicocele, Infektionen,  Hormonstörungen, Umweltbelastungen, Hodenhoch-stand oder Chemotherapie nach Tumorerkrankungen bedingt sein. Etwa 4% der infertilen Männer weisen Verschlüsse der Samenleiter auf. Chromosomale Veränderungen sind bei ca. 2% der infertilen Männer, d.h. ca. 10 mal häufiger zu finden als in der männlichen Normalbevölkerung. Zu den häufigsten chromosomalen Ursachen männlicher Infertilität gehören:

- numerische, gonosomale Aberrationen (z. B. Klinefelter-Syndrom, ca. 5% der Fälle)
- gonosomale Mosaike (ca. 0,5% der Fälle)
- reziproke Translokationen (ca. 1% der Fälle)
- Robertsonsche Translokationen  (ca. 0,6% der Fälle)

 

Diagnostische Vorgehensweise bei männlicher Sub-/Infertilität

Die Wahrscheinlichkeit für eine Chromosomenanomalie steigt hierbei mit der Abnahme der Spermienzahl. Während die Rate von Chromosomen-anomalien bei Neugeborenen ca. 0,6% beträgt, liegt sie bei Männern mit Azoospermie bei 13-15%, während sie bei Männern mit Oligozoospermie (< 10 Millionen Spermien/ml) bei 7-10% liegt. 

Etwa 0,6-1 % der infertilen Patienten weisen Mikrodeletionen im langen Arm des Y-Chromosoms (Yq11) auf (Azoospermiefaktor, AZF). Die Prävalenz von AZF-Mikrodeletionen beträgt bei Patienten mit einer nicht-obstruktiven Azoospermie 15% und etwa 7% bei Männern mit schwerer Oligozoospermie (< 1 Mio. Spermien/ml Ejakulat). In der AZF-Region sind Gene lokalisiert, die für die Spermiogenese unentbehrlich sind. Bei Deletionen, findet man in der Testis-Histologie einen testikulären Maturationsarrest oder unreife, kondensierte Spermien. Der Deletionsnachweis erfolgt mittels PCR von 6 Y-chromosomalen Markern aus den Regionen AZFa, AZFb und AZFc.

Eine Azoospermie kann auch durch Obstruktion der Samenleiter bedingt sein. Sind keine Samenleiter angelegt (Congenitale bilaterale Aplasie des Vas deferens, CBAVD),  liegen häufig Mutationen im CFTR-Gen vor. Homozygote Mutationen im CFTR-Gen sind daneben verantwortlich für Cystische Fibrose. Allerdings findet man bei CBAVD andere Kombinationen von mutanten Allelen als bei CF. Charakteristisch für CBAVD sind Kombinationen aus einer „schweren“ (z. B. Delta F508) und einer „milden“ Mutation (z. B. R117H) oder zwei „milde“ Mutationen. Falls nur eine Mutation nachweisbar ist, muss dennoch von einer zweiten Mutation ausgegangen werden. Vor einer geplanten künstlichen Befruchtung (ICSI) sollte deshalb auch die Partnerin auf Mutationen im CFTR-Gen untersucht werden. Darüber hinaus sind geschlechtsabhängig zahlreiche seltenere genetische Ursachen einer Infertilität beschrieben, wie z.B. Adrenogenitales Syndrom (CYP21-Gen), Androgeninsensitivität (AR-Gen), FSH-Rezeptor-Defizienz (FSHR-Gen) oder Sex Reversal (SRY-Gen). Zu immunologische Ursachen der Infertilität siehe Kapitel "Immunbiologie".

  

 
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 aktualisiert am:  06.03.12